Impuls zum 17. Mai 2026
Von Wolfgang Kramer (Stuttgart), Kommission Friedenspolitik und pax christi Kirchheim
Vorbemerkungen
Dieser letzte Ostersonntag vor dem Pfingstfest wird in der Pfingstnovene gefeiert, in der die Kirche zwischen dem 40. und 50. Tag um das Kommen des Heiligen Geistes betet. „Exaudi“, der Name dieses Sonntags - auf Deutsch „Erhöre“ - passt dazu. Er leitet sich vom lateinischen Anfangswort des Eingangspsalms (Ps 27,7) ab, der so beginnt: „Vernimm, o Herr, mein lautes Rufen.“ Ohne den Geist geht es nicht weiter. Er ist der Atem, der uns belebt.
Die Einheit der Gläubigen untereinander und ihre Einheit mit Gott stehen im Mittelpunkt der Bibeltexte des heutigen Sonntags. Es geht nicht um billige Gleichmacherei, auch nicht um das Aufgeben seiner selbst, sondern um das bewusste Sich-hineinstellen in einen größeren Zusammenhang, nämlich in den Heilsplan Gottes.
Der Sonntag vor Pfingsten gehört neben der Gebetsoktav im Januar zur zweiten Zeit im Jahr, in der die Kirchen in ökumenischem Geist um die Einheit beten. Das Gebet um die Einheit führt uns hin zur Feier des Pfingstfestes, dem Fest, von dem es heißt, dass sie alle in Jerusalem versammelt waren.
Es wäre ein starkes ökumenisches Zeichen, wenn an diesem Sonntag alle christlichen Friedensbewegungen von der Friedensbotschaft Jesu ausgehend gemeinsam dazu aufrufen würden, die Konflikte in aller Welt gewaltfrei zu lösen, Kriege durch diplomatische Bemühungen zu beenden, gerechte Handelsbeziehungen zu schaffen und unsere Umwelt nachhaltig zu schützen.
Erste Lesung: Apg 1,12-14
Als Jesus in den Himmel aufgenommen worden war, kehrten die Apostel von dem Berg, der Ölberg genannt wird und nur einen Sabbatweg von Jerusalem entfernt ist, nach Jerusalem zurück.
Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philíppus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelót, sowie Judas, der Sohn des Jakobus.
Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.
Deutung
In der Lesung wird berichtet, wo und wie sich die Apostel nach dem Abschied vom irdischen Jesus in Jerusalem versammelt haben. Sie haben in den letzten Tagen dramatische Dinge erlebt, vor allem die brutale Hinrichtung Jesu. Sie waren in einen Strudel von Gefühlen geraten. Am Anfang hielten sie die Botschaft von der Auferstehung für Frauengeschwätz. Dann aber haben sie die Gewissheit erlangt, dass er lebt. Sie haben seine Gegenwart erfahren und sie vertrauen seiner Verheißung, dass er ihnen den Heiligen Geist senden wird. Deshalb sind sie in Zuversicht und freudiger Erwartung wieder vereint – Frauen und Männer, Angehörige, Freundinnen und Freunde.
Wenn man sich bewusst macht, wie unterschiedlich die Auffassungen, Haltungen und Erfahrungen dieser Menschen zu Jesu Lebzeiten waren, ist die beschriebene Einmütigkeit schon beeindruckend. Was sie zutiefst eint, ist das Vertrauen zum Gott des Lebens und das Bekenntnis zum auferstandenen Christus, dessen radikale Friedensbotschaft sogar die Feindesliebe umfasst und jeglicher Kriegslogik die Stirn bietet.
Zweite Lesung: 1 Petr 4,13-16
Schwestern und Brüder! Freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt;
denn so könnt ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln.
Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzupreisen;
denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, ruht auf euch.
Wenn einer von euch leiden muss, soll es nicht deswegen sein, weil er ein Mörder oder ein Dieb ist, weil er Böses tut oder sich in fremde Angelegenheiten einmischt. Wenn er aber leidet, weil er Christ ist, dann soll er sich nicht schämen, sondern Gott darin verherrlichen.
Deutung
Der erste Petrusbrief richtet sich an Christen, die mehrheitlich Nichtjuden waren. Sie lebten als Minderheit in Kleinasien. Da blieben Spannungen, Ängste und Konflikte nicht aus. Die Lesung liest sich wie ein Kommentar zu der Seligpreisung der Verfolgten in der Bergpredigt. Wer in der Nachfolge Jesu Christi beschimpft, gedemütigt und verfolgt wird, wird seliggepriesen, weil er zwar Jesu irdisches Leidensschicksal, seine Leiden und seinen Tod, existentiell teilt, aber am Ende wie dieser von Gott auferweckt wird und das ewige Leben in seiner ganzen Fülle geschenkt bekommt. Da kann man in allem Leid jetzt schon Freude empfinden und sich ausmalen, wie groß der Jubel am Ziel sein wird.
Dass das Thema Widerstand und Ablehnung von Anfang an ein Thema der jungen Gemeinde ist, kann nicht verwundern. Jesu Kritik an der weithin geübten Gesetzesfrömmigkeit hatte die Juden gespalten, sein barmherziger Umgang mit seinen Mitmenschen wurde als Provokation empfunden. Schließlich war er Opfer einer Koalition der Mächtigen geworden. Aber sein Weg war der der Gewaltlosigkeit, des Ertragens von Leid und Unrecht, das er aber beim Namen nannte, und des Verzeihens.
Der Geist, den Jesus verspricht und um den die Jünger beten, ist der Beistand, den die Jünger brauchen, um in der herausfordernden Nachfolge Jesu treu bleiben zu können. Er schenkt Kraft und Mut.
Den hatten auch die entschiedenen Christen als Kraftquelle erfahren, die in der Zeit des Nationalsozialismus für ihre pazifistische Haltung verfolgt, gefoltert und hingerichtet wurden. Der aus Baden stammende Max Josef Metzger (1887-1944) und der österreichische Landwirt Franz Jägerstätter (1907-1943) sind dafür beste Beispiele. Beide wurden von der katholischen Kirche als Märtyrer seliggesprochen.
Auch in unserer Zeit werden Christen diskriminiert und verfolgt. Die Experten sprechen vom höchsten Ausmaß in der Geschichte. Man schätzt, dass es aktuell weltweit etwa 380 Millionen sind.
Evangelium: Joh 17.1-11a
In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht! Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt. Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus.
Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast. Jetzt verherrliche du mich, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war!
Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir und du hast sie mir gegeben und sie haben dein Wort bewahrt.
Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist. Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben und sie haben sie angenommen. Sie haben wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast.
Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir. Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht. Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt und ich komme zu dir.
Deutung
In diesem Abschnitt des Johannesevangeliums nimmt Jesus vor seinem Leiden und Sterben Abschied von seinen Freunden und legt Fürbitte bei seinem himmlischen Vater ein für die, die in der Welt zurückbleiben werden. Die Worte „Herrlichkeit“ und „Verherrlichung“ dominieren den Text und schon in der zweiten Lesung war „Herrlichkeit“ ein Schlüsselbegriff. Worte, die irgendwie aus der Zeit gefallen zu scheinen. In unserem alltäglichen Sprachschatz kommen sie nicht mehr vor. Für das biblische Sprechen von Gott sind sie aber unentbehrlich.
Vom Inhalt und von der feierlichen Stimmung her beeindruckt der Text durch das absolute Einvernehmen, das zwischen Sohn und Vater besteht. Es ist ein spürbar inniges Verhältnis, genau wie zwischen Personen, die sich „seit ewigen Zeiten“ kennen und sich in gegenseitigem Vertrauen einander hinzugeben vermögen. Genau das will der Evangelist Johannes uns vermitteln.
Im Gegensatz zum Gebet des Vaterunsers wird der vorliegende Text von den Bibelwissenschaftlern nicht dem historischen Jesus zugeschrieben, sondern als eine theologische Konstruktion des Evangeliums verstanden. Er will das gelebte Eins-sein des irdischen Jesus mit dem Vater und das geglaubte Eins-sein des Auferstandenen in der Herrlichkeit mit Gott zueinander bringen. Im Gebet Jesu spiegeln sich die persönliche Glaubensüberzeugung des Evangelisten und die der ersten Christengemeinden wieder. Das Drama der Leidensgeschichte und die Erhöhung zu Gott bilden eine unlösbare Einheit. Aus dieser Einheit können die, die sich in der Nachfolge Jesu “eine blutige Nase holen“ oder gar ihr Leben riskieren, die Kraft zum Durchhalten gewinnen im Vertrauen darauf, dass am Ende die Sache Jesu zur Vollendung kommen wird.
Von Irenäus von Lyon, einem bedeutenden Kirchenvater des 2. Jahrhunderts, stammt der berühmte Satz: „Die Herrlichkeit Gottes ist der lebendige Mensch“. Er will damit sagen, dass Gott dadurch geehrt wird, dass der Mensch sein volles Potential ausschöpft und ohne Wenn und Aber für Gerechtigkeit, weltweiten Frieden und die Bewahrung der Schöpfung eintritt.
Lied
„Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott GL 453 - EG 171
Fürbitten
Herr Jesus Christus, du bist denen Lebensweg in Vertrauen auf Gott, deinen und unser aller Vater, gegangen.
Wir bitten dich:
Stehe denen bei, die wegen ihrer religiösen Überzeugung Unrecht erleiden und deren friedlicher Weg oftmals zum Scheitern verurteilt scheint.
Schenke allen Menschen guten Willens, die sich im Gebet an dich wenden, Kraft, Trost und Zuspruch, damit sie sich in ihrem Leben von dir getragen spüren.
Berühre uns mit deinem Geist der Einheit, der tiefer greift als Institutionen und der über Unterschiede hinweg die wahre Einheit der Herzen und Seelen aller Gläubigen schenkt.
Mach uns stark und ausdauernd in unserem Bemühen um die Eine Welt, in der Gerechtigkeit und Frieden herrschen und die Bewahrung der Schöpfung gelingt.
Herr Jesus Christus, du rufst uns in deine Nachfolge. Bleibe bei uns jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.
Text zum Nachdenken
beten -
danksagen, bitten, fluchen, loben
manchmal wortlos
oft formelhaft
meistens stotternd
gelegentlich halbherzig
beten -
Zwiesprache mit Gott
lebendige Beziehung
beten -
sich in die Gegenwart Gottes setzen
seine Antwort
will gesucht werden
sie ist ganz leise
der geringste Lärm
macht sie zunichte
Gaby Faber-Jodocy